Question: Wann sagt man aus und wann sagt man von?

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Aus sagt man, wenn man vorher darin war. Man kommt also aus der Arztpraxis, weil man vorher in der Arztpraxis war. Man kommt auch aus Spanien, aber von Teneriffa (weil man in einem Land war, aber nicht in einer Insel).

Erst Corona, dann der Krieg: Die Welt wird mindestens gefühlt immer bedrohlicher. Wo wir uns im Großen ausgeliefert fühlen und den Überblick verlieren, verspricht der eigene Mikrokosmos Sicherheit und Geborgenheit. Eckehard Pioch, Mitglied im Vorstand der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft, über die Chancen und Risiken des Rückzugs. Jetzt taucht plötzlich immer öfter dieser Begriff auf: Cocooning.

Erst warben Wohnungseinrichtung mit dem Schlagwort, jetzt scheint es sich mehr und mehr zu einer Lebenshaltung zu entwickeln… Eckehard Pioch: …das stimmt, dieser Trend ist zu beobachten und ich halte ihn auch erst mal für sehr nachvollziehbar. Wir hatten nun mit der Pandemie zwei Jahre lang eine Situation, die sehr herausfordernd und vor allem zu Beginn, als das Virus noch komplett fremd war, auch sehr beängstigend war.

Und dann, kaum konnte man zumindest einen Streifen Licht am Ende des Tunnels sehen, kam dieser schreckliche Krieg, von dem es heißt, Wann sagt man aus und wann sagt man von? könnte sich zu einem dritten Weltkrieg ausdehnen. Rückzug ist eine naheliegende Reaktionsweise auf dieses extrem bedrohliche Szenario: Hier drinnen, in meiner kleinen heilen Welt, geht es mir gut. Oder auch - Stichwort beginnender Frühling - auf meinem Balkon oder in meinem Garten? Pioch: Absolut, hat ja nicht nur den Umsatz der Möbelindustrie angekurbelt, auch der Garten als solcher scheint an Bedeutung gewonnen zu haben.

Cooconing kann sich darüber hinaus als ein Rückzugsverhalten im Konsum äußern: Ich beschäftige mich mit schönen Gegenständen, genieße.

Wann sagt man “versendet” und wann sagt man “versandt”?

Während in einem anderen europäischen Land der Krieg tobt… Ist das nicht ignorant? Vielmehr sehe ich den Rückzug als eine Suche nach Schutz. Wir halten uns die beunruhigend gewordene Welt auf Abstand. Schaffen uns in Anbetracht der Komplexität im Außen und der wahrgenommenen Unkontrollierbarkeit und Ohnmacht einen Rahmen, den wir selbst kontrollieren können. Sei es, ob ich im Wohnzimmer Wohlfühlatmosphäre schaffe, mir in ein feines Mahl zubereite oder meinen Balkon zu einem blühenden Kosmos werden lasse: In all diesen Settings bin ich die Gestalterin oder der Gestalter.

Auf diesen Bereich konzentriere ich mich. Das ist erst einmal etwas sehr Gesundes. Weil wir nach einem schönen Tag insgesamt ausgeglichener sind und dann vermutlich auch besser schlafen? Pioch: Kontrollverlust bedeutet Stress, so ist es. Letztlich verhalten sich Menschen, die sich abschotten, übrigens ähnlich wie die, die auf den ersten Blick genau das Gegenteil tun und das Weltgeschehen permanent auf sämtlichen Nachrichtenkanälen durchgehen.

Beide sind getrieben vom Wunsch, die Kontrolle wieder zu erlangen. In beiden Fällen gelingt dies allerdings nur vorübergehend. Sie meinen der Nachrichtenjunkie wird mit jeder neuen Meldung nur noch alarmierter?

Beides, die totale Konfrontation wie auch die totale Flucht, sind verzweifelte Versuche im Umgang mit der Situation. Im Extremfall kippt das Ganze ins Pathologische. Pioch: Ja, und aus vorübergehendem Rückzug fehlender Realitätsbezug. Der Grat zwischen gesundem und schädigendem Verhalten, zwischen auf Abstand-Halten und Nicht-wahrhaben-Wollen ist zuweilen schmal. Jahrhundert zurückzuführen ist: Den Dingen ein blindes Auge zuwenden.

Der Admiral wurde auf Kriegsschiffe hingewiesen, die sich näherten. Er hatte ein gesundes und ein Glasauge. Das Fernrohr hielt er an sein Glasauge, um dann Entwarnung zu geben. Kopf in den Sand also? Pioch: Das ist zu kurz gedacht. Wenn so mit den im Grunde unaushaltbaren Kriegsereignissen in der Wann sagt man aus und wann sagt man von? umgegangen wird, ist das ein Anzeichen dafür, dass das Cocooning problematische oder sogar pathologische Ausmaße angenommen hat.

Lassen Sie uns einen Moment noch beim gesunden Cocooning bleiben. Zumindest kurzfristig geht es also um Stressreduktion und Wiederherstellung von Kontrolle. Pioch: Wir sprechen in diesem Zusammenhang auch von seelischer Hygiene: Man richtet sich auf, tankt Kraft. Wenn ich es mir aktuell zu Hause schön mache Wann sagt man aus und wann sagt man von?

wandern gehe oder mir eine Auszeit im Wellnesshotel gönne, komme ich vielleicht zu einem Punkt, an dem ich verwundert feststelle: Trotz all dem Schrecklichen, das gerade passiert, geht es mir gut. Ich könnte mir vorstellen, dass es nicht wenigen Menschen in diesen Tagen so geht, nachdem der erste Schock über die Geschehnisse in der Ukraine sich etwas gesetzt hat.

Noch mal: Wie müssen uns nicht schämen, wenn wir sowas an uns beobachten. Phasen des Rückzugs sind sinnvoll, auch Krisenhelfer sind übrigens auf den Aufbau von Kraftreserven angewiesen. Ich kenne einige Menschen, die sich hier in Berlin-Tegel im Ankunftszentrum bei der Koordination der Flüchtlinge aus der Ukraine engagieren.

Für die Helfer ist es sehr wichtig, gut in Balance zu sein. Es ist nicht egoistisch, wenn sie nach einem anstrengenden Tag versuchen abzuschalten und ganz bewusst etwas tun, was nährt und die eigene Lebendigkeit erhält.

Wenn Sie von Phasen des Rückzugs sprechen: Wie viel ist denn nun gut? Ein Tag, zwei Tage, eine ganze Woche? Pioch: Das lässt sich nicht auf den Tag festlegen.

Schauen Sie: Wir befinden uns in einer Ausnahmesituation. Alte Gewissheiten sind verschwunden, viele reden von Zeitenwende. Ich glaube, wir würden uns etwas vormachen, wenn wir sagen würden, wir können da jetzt einfach einen Schalter umlegen. Wir brauchen Zeit und die sollten wir uns zugestehen.

Wann sagt man aus und wann sagt man von?

Geben wir also gut auf uns Acht, horchen lieber einmal mehr in uns rein: Wo komme ich an Grenzen, was überfordert mich und wie schaffe ich mir in solchen Momenten einen Puffer? Andersrum sollten wir aber genauso hellhörig hinsichtlich der Schattenseiten der warmen, sicheren Höhle sein. Weil sich in dieser Höhle letztlich alles um uns selbst dreht? Pioch: Wo Rückzug auf der einen Seite vor schmerzhaften Ohnmachtsgefühlen schützt, kann er auf der anderen Seite einsam machen. Aus der Praxis wissen wir, dass Einsamkeit oft idealisiert wird.

Wann sagt man aus und wann sagt man von?

Ich brauche niemanden, bin mir selbst genug, so etwa. Fakt ist: Wir sind soziale Wesen und brauchen einander in Krisensituationen sogar mehr als sonst. Ich sehe im Moment ein hohes Maß an Angst in unserer Gesellschaft zirkulieren. Als Psychoanalytiker weiß ich: Angst kann auch dadurch reduziert werden, dass sie geteilt wird.

Jeder kennt das: Nach dem Treffen mit der Freundin oder dem Freund sieht die Welt schon ganz anders aus. Rückzug bedeutet so gesehen durchaus ein gewisses Risiko. Ein Allheilmittel ist Cocooning ganz sicher nicht, übrigens schon allein deswegen, weil wir zwar alle Individuen, aber auch Teil einer Gemeinschaft sind.

Vergessen wir nicht: Selten war die Politik so angewiesen auf die Zivilgesellschaft. Pioch: Naja, wir erleben eine Krise, aber auch eine Gestaltungssituation. Gestaltung funktioniert aber nur, wenn der mündige Bürger sich einbringt. Wie gesagt: Alte Gewissheiten mussten über Bord geworfen werden. Politik ist darauf angewiesen, dass die Zivilgesellschaft mit anpackt.

Gerade in der Flüchtlingsfrage funktioniert das derzeit ja auch wieder ganz großartig. Für die weitere Entwicklung spielt es darüber hinaus eine Rolle, inwieweit wir für Veränderungen bereit sind — oder eben auch nicht. Ist es okay für mich, für ein Gas- oder Ölembargo zu stimmen und dann öfter mal einen Pullover überzuziehen?

Wann Versicherungsunterlagen in den Müll können

Oder sage ich: Das interessiert mich alles nicht, ich möchte es warm haben? Der Politik ist es nicht egal, wie Meinungsbildung verläuft. Wer sich von der Welt verabschiedet hat, ist daran aber nicht beteiligt.

Das heißt, wir haben keine Wahl: Irgendwann müssen wir den Kokon verlassen? Pioch: Ich sehe das so, aber ich glaube es wäre falsch, sich selbst oder anderen hier Druck zu machen. Besser, man tastet sich vor und geht das Ganze dosiert an. Viele Menschen haben grundsätzlich ein gutes Gespür für Situationen, Wann sagt man aus und wann sagt man von? nach einem Auftanken verlangen.

Aber jetzt, in der Anspannung und Überforderung, droht das intuitive Gefühl für das, was ich gerade brauche, verloren zu gehen. Ich glaube es ist eine gute Idee, gerade jetzt öfter mal inne zu halten und sich zu prüfen: Wo stehe ich? Nicht nur konkrete Verhaltensweisen sollten dann als Reaktion eine Rolle spielen. In die Aktivität gehen, bestimmte Dinge ausprobieren oder bestimmte Tools anwenden, das alles mag vorübergehend helfen. Aber irgendwann kommen wir an eine Grenze.

So befremdlich das erstmal vielleicht klingen mag: Wir sollten eine gewisse Ohnmacht akzeptieren. Aber verfallen wir damit nicht in Resignation, werden? Pioch: Nicht, wenn wir sehr bewusst sind. Die Herausforderung für die Seele ist in diesen Tagen zweifelsohne groß. Ein spontaner Impuls, um mit dieser Herausforderung zurecht zu kommen, ist das Suche nach Lösungen, nach einer Strategie.

Eine Leistungsgesellschaft lebt ja geradezu von der Überzeugung, etwas bewirken und verändern zu können. So sehr wir es uns allerdings auch wünschen, wir können als einzelne an der aktuellen Situation nur wenig ändern.

Sie kann aber auch in die Lebendigkeit zurückholen. An den Wochenenden auch noch arbeiten müssen, Haushalt und Garten nur noch im Notbetrieb ,gesellschaftliches Leben auf Sparflamme. Und das lange vor Corona. Vielen Bekannten geht es ähnlich, man will die Jahre bis zur Rente noch einigermaßen rumkriegen,macht sich aber Gedanken, ob man nicht doch länger ran muss um nicht im Alter bei der Tafel Stammgast zu werden.

Dieses Problem finde ich wichtiger als irgendein imaginäres Corona- Ukraine Cocooning.

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